Alle diejenigen unter euch, die der französischen Sprache (ein wenig) mächtig sind, werden jetzt wahrscheinlich an “Salz” denken. Ja, die deutsche Übersetzung des französischen Wortes “Sel” ist Salz, das ist richtig, aber ich möchte heute über den SEL berichten, den
Salon de l’Esprit Libre.
Was verbirgt sich dahinter?
In Anlehnung an Debattierclubs und Leseszirkel im Frankreich des 18. Jahrhunderts hat es sich der SEL zur Aufgabe gemacht, auch im heutigen Zeitalter die Menschen zum Denken und insbesondere zum NACH-denken anzuregen. Damals waren es die Ereignisse der französischen Revolution und die Epoche der Aufklärung, die die Menschen dazu bewegten solche Treffen abzuhalten.
Aber auch in der heutigen Zeit, in der alles so schnell-lebig geworden ist, man mit Informationen auf allen erdenklichen Ebenen gradezu überschwemmt wird, ist es wichtig:
- sich ab und zu mal hinzusetzen, um nachzudenken
- sich Zeit zu nehmen, um zu hinterfragen, anstatt alles hinzunehmen
- sich seiner eigenen Person, seiner Standpunkte, seiner Weltanschauung bewusst zu werden
Diese List kann natürlich noch fortgesetzt werden und ist keinesfalls vollständig. Aber ich denke, der Gedanke ist klar geworden.
Warum also nicht gemeinsam hinzusetzte? So hat man die Möglichkeit direkt auch mit anderen Menschen zu diskutieren und seine Meinung, Einstellung oder Sichtweise zu verteidigen/dazustellen und sich dadurch entweder noch bewusster zu werden, noch überzeugter zu sein, oder aber um festzustellen, dass man sich noch nicht endgültig auf etwas festlegen möchte.
Soviel zur Theorie; jetzt aber zu meinem gestrigen Abend.
Das Thema gestern war Grand nettoyage de printemps, also “Großer Frühjahrsputz”. Als Aufgabe, damit man auch eine Basis zum Diskutieren hat, war angeregt worden, dass sich jeder Teilnehmer ein Objekt und eine Idee überlegen solle, wovon er sich trennen möchte. Bei den Objekten sollten es Dinge sein, die einen gewissen Wert für einen haben und von denen man sich nicht so ohne weiteres trennen mag. Man sollte sein Objekt in Szene setzen, eine Geschichte dazu erzählen, begründen wie die Wahl auf dieses Objekt fiel, warum man sich davon trennt und vorallem, was diese Trennung für einen bedeutet. Zusätzlich zu Objekt und Idee sollte man noch eine Kleinigkeit zum Essen mitbringen oder eine Flasche Wein oder Champagner.
Der Ablauf des Abends war dann so, dass wir mit einem “Salon Libre” angefangen haben. Alle Teilnehmer kamen an einem großen Tisch, auf welchem die Speisen buffet-artig hergerichtet waren, zusammen. Jeder bekam ein Glas Champagner und wir haben gemeinsam den “SEL du printemps” eröffnet. (Also den Frühlings-SEL. Der SEL findet 4x im Jahr statt, Frühling, Sommer, Herbst und Winter) Für alle Mitglieder, die zum ersten Mal an einem SEL teilnahmen, wurde ein wenig erklärt. Unteranderem sagte der Gastgeber:
Vous êtes un peu chez moi et beaucoup chez vous-même.
(Ihr seid ein wenig bei mir, und viel bei euch)
Was als Leitspruch des SEL’s betrachtet werden kann. Man ist zwar auf der einen Seite Gast, aber vorallem soll man auf sich selbst achten, in sich selbst hinein horchen und sich seiner eigenen Gedanken und Auffassungen bewusst werden.
Danach wurde gemeinsam gegessen und man hatte die Möglichkeit die anderen Teilnehmern kennenzulernen, sich zu unterhalten und auszutauschen. —> Salon Libre, also freies reden.
Dann schellte irgendwann ein Glöckchen. Dies war das Zeichen für das Assemblée National. Damit ist die Zusammenkunft zum diskustieren gemeint. Wir sind alle in einen anderen Raum gegangen, wo Stühle in einem großen Kreis aufgestellt waren. Es gab einen Moderator (der Gastgeber), der die Gesprächsrunde ein bisschen geleitet hat. Dieser hat dann das Wort einem der Teilnehmer erteilt und dann durfte man präsentieren, was man vorbereitet hatte. Im Anschluss an den Vortrag durften Fragen an den Vortragenden gestellt werden und zum Schluss wurde diskutiert. Wobei diskutieren hier meint, dass jeder seine Meinung und seine Gedanken zum Vortrag schilderte und evtl. die anderen daran teilhaben ließ, wozu einen dieser Vortrag angeregt hatte. In der Runde gestern z.B. war einer dabei, der nach jedem Vortrag in der Diskussion ein kleines Gedicht vortrug. Ein 2 oder 3 Zeiler zu dem er sich durch den vorher gehörten Vortrag inspiriert fühlte.
Nachdem jeder einmal vorgetragen hatte, gab es nochmal einen Salon Libre. So hatte man die Möglichkeit nochmal was zu essen
aber insbesondere eben auch die Gelegenheit gezielt auf einzelne Personen zuzugehen und sich mit diesen zu unterhalten, fragen zu stellen oder sich anregen zu lassen.
Zum Abschluss des Abends klingelte erneut das Glöckchen und alle kamen nochmal zum Assemblée National zusammen. Jetzt wurde frei diskutiert und es durften Anregungen geäußert werden, was man sich als Thema für den nächsten SEL wünsche. In unserem Fall gestern Abend wurde im zweiten Assemblée National heftigst über das Bild von Mann und Frau in der heutigen Gesellschaft diskutiert. Einer der Hauptpunkte war dabei der Feminissmus. Einige interessante Fragen dabei waren:
- wann der Zeitpunkt wohl kommt, wo sich die Männer gegenüber den Frauen beahupten müssen?
- ob es in absehbarer Zeit vielleicht statt Feminissmus und Machissmus (von Macho, also Machotum) vielleicht Humanismus gibt?
Man war sich einig, dass, was Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen angeht, Frankreich noch nicht so weit sei, wie Deutschland. Dabei ging es nicht so sehr um die Möglichkeiten, die man als Frau in Frankreich hat, sondern viel mehr um das Bild, das die meisten Männer in Frankreich von Frauen haben. Außerdem wurde dafür plädiert, dass das französische Wort für “Menschenrechte” nämlich “Droits de l’homme” umbenannt werden sollte in “Droits humain”. Denn Droits de l’homme heißt wörtlich übersetzte “Die Rechte der Männer”.
Insgesamt hatte ich einen sehr schönen und interessanten Abend, der mich auf jedenfall bereichert hat.
nähere Infos: http://salonespritlibre.com/